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mardi 26 juillet 2011

schmetterlinge sterben so laut.




22.05 Uhr.Schon seit einer Stunde ist es Dank des Wetters stockdunkel in dem kleinen Zimmer.
Mein Kopf liegt auf seinem nackten Oberkörper,sein Brustkorb hebt und senkt sich in regelmäßigen Abständen,der Geruch seiner Haut ist angenehm und warm,ich streichel müde und enttäuscht über seine Rippenbögen,über das Tattoo ,"langes Leben " soll es bedeuten,und genau das ist es ,wofür wir jeden verdammten Tag kämpfen.
Der Regen schlägt gegen das Fenster,er liegt noch genauso regunglos wie vor 20 Minuten in seinem Bett,den Blick links an mir vorbei,leer,schwach,erschöpft,voll Hilflosigkeit,das Einzige was ihn lebendig aussehen lässt,sind seine tiefen Atemzüge und seine warme Hand auf meinem Rücken.
Als seine Hand von meinem Rücken rutscht,krieche ich weiter nach oben,bis zu seinem Hals,atme seinen Geruch ein,ich weiß nicht,wie oft ich das noch tun kann.Sein Blick ist weiter an mir vorbei gerichtet,ich wende mich kraftlos ab,drehe mich nach rechts,rolle mich zusammen,er soll meine Tränen nicht sehen.
So liege ich da,den Blick zur Wand,hilflos,nur mit Unterwäsche,Socken und dünnem Top bekleidet.Ich zittere,mit einem Mal ist es so kalt geworden,so kalt in mir,so kalt um uns,so kalt in diesem Raum.
Ich taste im Dunkeln nach seiner Hand,greife nach hier,ganz vorsichtig,als könne ich ihn zerbrechen,er hält dagegen,hält sie fest,als wäre es das letzte Mal.
Ich drehe mich um,rutsche langsam Richtung Hals hinauf,sein Blick wie vor 20 Minuten,kalt,leer,enttäsucht,verlassen.2 feuchte Rinnsale glitzern auf seinem Gesicht,er weint still,nur der Regen draußen ist zu hören,und seine immer unregelmäßiger werdenden Atemzüge.
Ich streiche ihm die Tränen aus dem Gesicht,streiche durch seine Haare.
Es tut so weh,ihn so verzweifelt zu sehen.

___

Mein Vater brüllt,schreit "Was fndest du an ihm?Er ist ein Looser,nichts gelernt,Schule abgebrochen,Ausbildung abgebrochen."
Er war 10 Jahre auf dem Gymnasium,hat eine Ausbildung begonnen,die aber wegen seine Suizidversuchs und der Fehlzeiten verloren unter anderem.Jetzt zur Bundeswehr,und wenn das nicht klappt,ist er das,was wir alle verachten.Zumindest mein Vater.
Eifersucht,Missgunst-mein Vater mochte meine Freunde noch nie,doch M. war der perfekte für mich,seiner Ansicht nach,und C.-nein,wer will schon einen Schulabbrecher in Jogginghose und Silberkette für die Tochter?
Er kennt ihn nicht,nach 2 Monaten Beziehung will er immer noch nichts mit ihm zu tun haben,und er merkt nicht,wie sehr das auf uns drückt,wie umständlich sich das alles gestaltet,wie oft ich auch schon nachgedacht habe,ob mein Vater nicht recht hat.Indem was er sagt,hat er Recht,aber die Art&Weise ist falsch.Und das ist das Bittere,dass ich weiß,dass er Recht hat.

Zum Glück weiß mein Vater nur davon.Was wäre,wenn er wüsste,dass er in Therapie ist,nach wie vor,dass er an jenem Januarabend auf der Autobahnbrücke stand und gebetet hat,dass ihm der LKW den Aufprall lindert,die Sirenen,die Krankenwagen,die Polizei,LVR-Vielleicht liegt der Sieg darin einfach aufzugeben.Wenn er wüsste,wie wir beide jeden Tag kämpfen,er lebt,ich esse,leben ist Leben,essen ist Leben.

Ich beurteile Menschen nicht nach Vergangenheit oder Schulabschluss und trotzdem gerate ich ins Grübeln,was,wenn mein Vater Recht hat,wir uns nur selber kaputt machen,weil 2 Welten aufeinander treffen?Wenn ich mich so betrachte,bin ich nichts als ein spießiges Kind,das in seiner Kindheit viel zu viel in den Arsch geschoben bekommen hat.
Und trotzdem tut es weh,dass ich zögere,dass ich zweifele,wohin uns unser Weg führt,ich hasse meine Eltern dafür,dass sie mich ins Grübeln bringen,dass ich mich jeden Tag jetzt frage,ob sie nicht doch wirklich Recht haben.

_______

Wir schweigen-seit über einer Stunde.Als er vor meinem Haus vorfährt,nimmt er meine Hand und guckt mich an.Seine Augen glitzern."Guck nicht so traurig",sage ich.
"Wie soll ich denn gucken?Ich bin aber traurig",flüstert er leise und guckt in den Fußraum.
"Für mich bist du kein Looser,sonst wäre ich jetzt nicht mehr hier,aber mein Vater denkt du bist einer der vielen,die mich flach legen wollen und das wars".
"Genau,Caro,deswgeen fahre ich dich immer nach Hause,deswegen helfe ich auf dem Kindergeburtstag deiner Schwester,deswegen frage ich dich,was ich anziehen soll,zum Bewerbungsgespräch,deswegen ziehst du bei mir ein,wenn du es hier nicht mehr aushältst..."
"Ich weiß,ich weiß und ich hoffe du weißt,dass ich zwar meinen Vater schätze indem was er sagt,aber nicht seine At und Weise.".

Er umschlingt mich,legt seinen Kopf auf meine Schulter und murmelt nur leise "Ich weiß,ich weiß."
"Du bist kein Looser für mich,ehrlich."
Wir gucken uns an,er guckt wieder so unendlich traurig,ich greife nach dem Türöffner,die Luft wird langsam dünn,er greift erneut nach meinen Händen,guckt mich mit seinem Hundeblick an und flüstert leise "Ich liebe dich".
Mir bleibt für einen Moment die Luft weg,nicht weil es das erste Mal ist,dass wir über sowas reden,aber so wirklich von Herzen kam dieser Satz noch nie,weder von mir,noch von ihm.
Ich kralle mich in seinem Pullover fest,Ich liebe dich auch,Consi.

Und als ich schweren Herzens das Auto verlasse und durch den Regen nach Hause laufe,weiß ich,dass wir es schaffen.Wir bringen uns durch,besonders ihn.
Wir suchen wieder den Sinn des Lebens,und wenn es das Letzte ist,was ich tu,aber ich will ihn nie wieder weinen sehen,weil ihn jemand wegen seiner Vergangenheit verurteilt.

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